Vinschgerbahn

Die Bahn an das schönste Ende Italiens

Eine Fahrt mit der neuen Vinschgerbahn

Bilder: Wolfram Wittsiepe, Josef Saurwein, Heinrich Seitner
Text: Heinrich Seitner



Einleitung

Der Vinschgau - das Land, wo Italien beginnt, aber noch Deutsch gesprochen wird, wo sich Spaghetti und Knödel sowie Ravioli und Schlutzkrapfen auf engstem Raum gegenüberstehen. Der Vinschgau ist - was die Sprache angeht - ein "urdeutsches" Tal, dennoch gebieten es Respekt und Anstand, die Ortsnamen zumindest in den Überschriften in der hier üblichen zweisprachigen Bezeichnung anzugeben. Bis ins 17 Jhdt. haben die Vinschgauer übrigens weder Deutsch noch Italienisch, sondern "Romantsch" gesprochen. Sprachliche Relikte aus dieser Periode sind eigenartig klingende Ortsnamen wie Tarsch, Tartsch oder Tschars.
Der Vinschgau wird auch gerne als "Landschaft der großen Linien" bezeichnet und in der Tat - die Landschaft ist so vielfältig wie in sonst keinem anderen Alpental. Weinbau, Obstbau, in höheren Lagen Viehzucht, Handwerk, Gewerbe und Fremdenverkehr prägen das Tal.
Der Vinschgau hat - was die Niederschlagsmengen angeht - ein Klima wie Süditalien. Das zeichnet die Landschaft: Am Sonnenberg (= Südhang) herrschen steppenartige Verhältnisse, während am Nördersberg (= Nordhang) Wald und Almen das Bild prägen. Bewässerungskanäle, so genannte "Waale", sorgen für die notwendige Befeuchtung der Kulturflächen. Früher gab es bis zu 225 solcher "Waale" mit einer Länge von mehr als 600 Kilometern; heute sorgt modernste Technik für die Bewässerung, doch auch die "Waale" sind noch immer vorhanden.
Kulturell gesehen findet man nirgendwo auf der Welt eine derartige Dichte an romanischen Kirchenbauten mit wunderbaren Fresken, wie im Vinschgau. Immerhin ist das Tal ja schon seit mehr als 4.000 Jahren als Siedlungsgebiet bekannt, was für seine Lebensqualität spricht.


Zunächst etwas Verkehrsgeschichte

Die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des Vinschgaues wurde seit jeher durch seine günstige geografische Lage und das daraus resultierende Verkehrsaufkommen beeinflusst:

  • Bereits unter dem römischen Kaiser Claudius um das Jahr 46 n. Chr. wurde die "via Claudia Augusta" von Ostiglia bzw. Altino durch den Vinschgau und weiter über den Reschenpass, Landeck und den Fernpass nach Donauwörth eröffnet. Kaum zu glauben, aber der Brennerpass hatte zu dieser Zeit als Alpenübergang praktisch keine Bedeutung.
  • Im Jahre 1830 kreisten kühne Gedanken um den Bau einer Bahn von Landeck über den Reschenpass nach Meran. Aus Geldmangel wurde jedoch nur der Abschnitt zwischen Meran und Mals verwirklicht. Unter der Bauleitung von Konstantin Ritter von Chabert konnte die Strecke am 1.7.1906 nach nur 2 ½-jähriger Bauzeit in Betrieb genommen werden. Die Folge war eine bescheidene wirtschaftliche Entwicklung der Region. Der Vinschgau war ja keineswegs ein reiches Land, was u. a. dazu führte, dass viele Vinschgauer ihre Kinder als so genannte "Schwabenkinder" nach Süddeutschland schickten, um sie dort mehr oder minder Sklavenarbeit verrichten zu lassen. Der elterliche Tisch konnte sie nämlich schlicht und einfach nicht ernähren!
  • Während des 1. Weltkrieges wurde die Bahn für Munitions- und Soldatentransporte an die südlich von Mals gelegene, heftig umkämpfte Ortlerfront genutzt.
  • 1918 ging die Vinschgerbahn in den Besitz der italienischen Staatsbahn (FS) über. Österreich sollte im Zuge der kriegsbedingten Reparationsleistungen verpflichtet werden, die Bahn von Mals über den Reschenpass nach Landeck weiterzubauen. Der Beginn des 2. Weltkrieges und schier unüberwindliche technische Schwierigkeiten verhinderten dies jedoch.
  • Nach dem 2. Weltkrieg haben die dauernden Auflassungsgerüchte der Vinschgerbahn die wirtschaftliche Weiterentwicklung des Vinschgaues arg gebremst. 1989 wurde dann der gesamte Zugverkehr zwischen Meran und Mals eingestellt. Bis 1991 gab es zwischen Meran und Latsch noch gelegentlich Dampfsonderzüge, bis dann am 02.07.1991 die Strecke endgültig stillgelegt wurde.
  • Im Jahr 1999 wurden die Eigentumsrechte an den Bahnanlagen auf das Land Südtirol übertragen. Die Wiedergeburt der Vinschgerbahn war plötzlich in Sicht, denn bereits im Jahr 2000 hat die Fa. STA mit den Arbeiten zur Wiederinbetriebnahme der Strecke begonnen.
  • Die Eröffnung der "neuen" Vinschgerbahn erfolgte am 05.05.2005! Sie wird von der Fa. SAD betrieben, während sich die Fa. Südtirol Bahn - Anlagen GmbH. um die Infrastruktur kümmert.


Technik in Kürze

Insgesamt hat das Land Südtirol über die Betreibergesellschaften rund 120 Mill. € in das Bahnprojekt investiert. Dafür stehen der Vinschgerbahn derzeit u. a. 12 GTW 2/6 der Schweizer Fa. Stadler aus Bussnang (TG) zur Verfügung. Die Fahrzeuge werden von 2 MAN - Turbodieselmotoren angetrieben, die nach dem Commonrail - Prinzip arbeiten und je 375 kW leisten. Die maximale Leistung am Rad beträgt 600 kW, die maximale Anfahrzugkraft liegt bei 80 kN. Mit dieser Leistung erreichen die Fahrzeuge bei einer maximalen Beschleunigung von 1,05 m/s² eine V/max von 140 km/h. Die Motoren befinden sich im Antriebsmodul des Zuges, welches zwischen den beiden Fahrgastteilen des TWG situiert ist. Bis zu 3 TWG-Einheiten können in Vielfachsteuerung gefahren werden.
Die TWG sind 39,5 m lang, 3 m breit und 62 to schwer.


Das Äußere der TWG war farblich zunächst in Silber gehalten. Nachdem das Land Südtirol im Jahre 2004 die "Dachmarke Südtirol" kreiert hatte, wurden die TWG-Einheiten nach und nach umlackiert und mit dem bunten Dachdesign versehen.
Durch 1.320 mm breite Türen können die Reisenden barrierefrei ein- und aussteigen. In fast allen Haltepunkten der Strecke ist dies außerdem beidseitig möglich, was den Fahrgastwechsel zusätzlich beschleunigt.
Jeder GTW bietet den Reisenden 104 Sitz- und 124 Stehplätze, wobei diese Aufteilung variabel gestaltet werden kann. Die Fußbodenhöhe beträgt im Niederflurbereich 585 mm und im Hochflurbereich 1.000 mm. Die Verbindung der beiden Bereiche erfolgt über 2 Stufen.
In einem Mehrzweckraum finden u. a. 10 Fahrräder, eine Toilette mit geschlossenem System und ein Fahrscheinautomat Platz. Die GTW sind natürlich klimatisiert, der gesamte Passagierraum ist videoüberwacht.


Der Betrieb

Auf den neuen Vinschgerlinie betreibt die SAD nur Personenverkehr. Es könnte jedoch mit geringen Adaptionsmaßnahmen auch Güterverkehr in bescheidenem Umfang stattfinden, doch ist derzeit eine relevante Nachfrage nicht festzustellen.
Der Fahrplan ist das Werk des Züricher Fahrplanspezialisten Willi Hüsler und seines Teams. Im Jahr 2008 verkehren die Regionalzüge zwischen Meran und Mals im Stundentakt, der jede zweite Stunde werktäglich mit einem Regional-Express zwischen Mals und Bozen ergänzt wird.
Die Steuerung des gesamten Betriebes erfolgt zentral durch die Leitstelle in Meran.
Zwischen dem 26.01.2008 und dem 26.04.2008 verkehrten in der Zeit zwischen 22:30 und 2:30 an Samstagen zweistündlich auch so genannte "Nightliner", um unternehmungslustigen Leuten eine gefahrlose und stressfreie Mobilität bieten zu können.

Fahrscheine löst man zeitgemäß an einem der einfach zu bedienenden Automaten entweder am Bahnhof oder im Zug. Man kann zwischen 4 Sprachen wählen! Allerdings dauert der Vorgang, denn der Automat hat viele Fragen! Und so mancher Zeitgenosse erspart sich die Tipperei und fährt "schwarz"!
Neben Einzelfahrscheinen und diversen längerfristigen Abonnements gibt es auch Tageskarten und Punktekarten. Besonders interessant ist die "mobilcard" für 3 oder 7 Tage, die entweder für ganz Südtirol oder nur für einzelne Regionen (z.B. den Vinschgau und das Burggrafenamt) Gültigkeit hat. Sie ermöglicht neben Bahn- und Busbenützung auch das Fortkommen mit einigen ausgewählten Seilbahnen.


Der Fahrweg und die Bahnhöfe

Die Gesamtentfernung zwischen Meran und Mals beträgt 59,8 km. Dabei hat der Vinschgerzug 3 große Geländestufen mit Steigungen bis zu 29 zu überwinden. Sein Fahrweg führt ihn durch 3 Tunnels sowie 1 Steinschlaggallerie und über 61 Brücken, die im Zuge der Wiedererrichtung allesamt generalsaniert wurden. Weiters wurden insgesamt 54 von 85 vorhandenen Eisenbahnkreuzungen aufgelassen bzw. niveaufrei gemacht. Die gesamte Strecke kann mit V/max 70 km/h befahren werden, abschnittsweise sind sogar V/max 100 km/h erlaubt.
Auch in die teilweise sehr desolaten Hochbauten wurde kräftig investiert. Für die nächsten 30 Jahre wurde den jeweiligen Gemeinden die Konzession zur Nutzung dieser Objekte übertragen, denn rein betrieblich wären sie ja entbehrlich.
Alle Bahnhöfe haben ein einheitliches Erscheinungsbild, entsprechen der seinerzeitigen Normausführung der Österreichischen Staatsbahnen und sind seit dem Jahr 2004 denkmalgeschützt. Hier hat die Direktorin des Amtes für Bau- und Kunstdenkmäler, Frau Waltraud Kofler - Engl wahrlich ganze Arbeit geleistet, zu der man ihr nur gratulieren kann! So ergibt sich in Verbindung mit der Streckenführung der Vinschgerbahn und den sie umgebenden Kunstdenkmälern ein ganz tolles, harmonisches Ensemle, auf dem halt nur - unserer Zeit angepasst - moderne Fahrzeuge auf einem modernen Fahrweg rollen.
Insgesamt bedient die Vinschgerbahn zwischen Mals und Meran 16 Haltepunkte, darunter die neu geschaffenen Haltestellen Staben, Rabland und Töll Brücke. Aufgelassen bzw. zu reinen Kreuzungsbahnhöfen degradiert wurden hingegen die Bfe. Schnalsthal und Töll. Natürlich sind alle unbesetzt, dafür aber videoüberwacht.

Auf der Strecke wurden in einigen Bereichen Y-Schwellen eingebaut, was in Italien einmalig ist. Dass diese Schwellenform den Fahrkomfort erheblich steigert, sei nur am Rande erwähnt!
Das Bahnhofgebäude von Goldrain repräsentiert den eingeschossigen Bahnhofstyp, wie er noch in Algund, Marling, Naturns, Kastelbell, Eyrs und Mals zu finden ist. Es hat noch keine Sanierung erfahren, sein Zustand entspricht sozusagen "dem Original".
In den wichtigeren Haltepunkten kam der Normtyp mit zweigeschossigem Wohngebäudeteil zur Ausführung. Beispiele finden sich in Töll, Schnalsthal, Latsch, Schlanders und Schluderns/Glurns.



Die Fahrt mit dem Vinschgerzug beginnt

Worte sind genug geschrieben: Nehmen wir Platz in einem der modernen Stadler-TWG und lassen wir uns vom Vinschgerzug verwöhnen. Bei dieser Fahrt wird der Blick auch ein bisschen über die Schienennägel hinausschweifen, denn der Vinschgau hat ja noch wesentlich mehr zu bieten, als nur eine tolle Eisenbahn!



MERANO/MERAN (320 m)

Unsere Reise beginnt in der alten Kurstadt am Zusammenfluss von Etsch und Passer. Ein kleiner Bummel entlang der Passerpromenade und vorbei am Alten Kurhaus lässt uns trotz aller Modernisierungen gelegentlich noch immer ein bisschen das Flair der "belle Epoche" spüren.
Von der früheren Eleganz des Kurortes, dessen berühmtester Kurgast wohl Kaiserin Elisabeth von Österreich war, ist in unseren Tagen selbst in der aus dem Jahre 1864 stammenden Wandelhalle an der Winterpromenade freilich nicht mehr allzu viel zu bemerken. Heute hat der Massentourismus die Stadt erobert und zu einem der bedeutendsten Fremdverkehrsorte Südtirols gemacht. Europäische Partnerstadt von Meran ist übrigens Salzburg.
Insgesamt 8 Uhren zieren den 83 m hohen Turm der im Jahre 1465 fertiggestellten Pfarrkirche St. Nikolaus.
Im Jahre 1258 gestattete Graf Meinrad II den Meraner Bürgern den Bau der 400 m langen Lauben. Der Bedeutung der Stadt entsprechend waren sie sogar um 100 m länger als jene von Bozen. Erst im Jahre 1420 verlegte Kaiser Friedrich IV "mit der leeren Tasche" den Regentschaftssitz nach Innsbruck, wodurch Meran natürlich stark an Bedeutung verlor.
Konstantin Ritter von Chabert war als Beamter des k. k. Eisenbahnministeriums und Oberbauleiter bis zum Jahre 1906 für alle Hochbauten entlang der "alten" Vinschgerbahn zuständig. Den Meraner Bahnhof ließ er wegen der Bedeutung der Stadt als barocken Prachtbau ausführen.
In einigen Gebäudeteilen sind Stilelemente erkennbar, die an die Verkehrsbauten von Otto Wagner aus Wien erinnern.
Den Bahnhofvorplatz ziert eine mächtige Statue des Tiroler Nationalhelden Andreas Hofer.
Gewaltige Ausmaße hat auch die Empfangshalle des Bahnhofes, in der man alles bekommt, was man so zum Bahnfahren braucht.
Unter dem Dach des Hausbahnsteiges herrscht den ganzen Tag reges Kommen und Gehen.
Im Jahre 2005 waren im Gleisbereich noch großflächige Umbauarbeiten zu beobachten, denn eine "neue Bahn" braucht eben auch einen neuen Fahrweg und neue Bahnsteige!
Immer wieder begegnete man dabei schweren Gleisbaumaschinen der Fa. CLF aus Bologna. Wie nicht anders zu erwarten, waren es meist Maschinen aus der Schmiede der Fa. Plasser & Theurer aus Linz!
"Handarbeit" wurde einigen Statisten aus anorganischem Material überlassen.
Durch eine moderne Unterführung erreicht man den Abfahrtsperron der meisten Reisezüge.
Normalerweise bedient der "Regionale" der Trenitalia die Haltepunkte im Burggrafenamt zwischen Meran und Bozen.
Seit dem Jahr 2007 verkehren jedoch auch manche Vinschgerzüge bis Bozen. Das ist zwar für die Reisenden sehr bequem, schafft aber leider auch arge Kapazitätsengpässe auf der Vinschgerstrecke.
Endlich ist es auch am "Vinschger-Bahnsteig" soweit: Einer der Stars unserer Geschichte fährt - von Mals kommend - auf Gleis 3 ein.
Es wird kurz umgestiegen - dann legt sich die allgemeine Hektik und der "Regionale" vertschüsst sich Richtung Bozen.
Auch der Vinschgerzug füllt sich rasch, denn das Verkehrsaufkommen am Oberlauf der Etsch ist enorm. Nach wenigen Minuten ist die Abfahrtszeit gekommen und eine wunderschöne Fahrt durch den Vinschgau nimmt ihren Anfang.


ALGUND/LAGUNDO (350 m)

Der kleine Bahnhof von Algund war zum Fototermin am 07.06.2005 leider noch nicht ganz fertig, daher die etwas eigenwillige "Verpackung".
Am 23.09.2008 hat das schöne Stationsgebäude längst die ihm zugedachte Funktion übernommen und zeigt sich stolz seinem Umfeld. Es ist der Typ des eingeschossigen Bahnhofes, wie er uns im weiteren Verlauf der Reise noch öfter begegnen wird.
Nicht, dass dies ein kulturhistorisch bedeutendes Denkmal wäre, doch in diesem Gebäude in Algund wird ein Produkt hergestellt, das jedem Italienreisenden ein Begriff ist - das "birra Forst".
Manche Vinschgerzüge halten trotz aller Verlockungen aus Hopfen und Malz am wunderschön gestalteten Bahnsteig von Algund nicht an, denn vor ihnen liegt nun die erste große Geländestufe hinauf nach Töll und da nimmt man gerne den Schwung mit, den man seit der Ausfahrt in Meran erreicht hat.
Gleich nach der Hst. Algund überquert die Vinschgerbahn erstmals die Etsch. Am oberen Bildrand (genau über dem Zug) ist Schloss Tirol, die Stammburg der Grafen von Tirol, zu sehen, während vom rechten oberen Bildrand Dorf Tirol ins weite Tal heruntergrüßt. Den Vordergrund des Bildes beherrscht die riesige Lagerhalle der Obstgenossenschaft Algund.
Die Etschbrücke lässt sich natürlich auch bei einem Gläschen Wein in einer schattigen Schenke in den herrlichen Rebbergen von Marling trefflich beobachten!
Im Sommer 2008 sind dann teilweise schon Doppeleinheiten am Weg, denn der Zuwachs an Fahrgästen hat seit der Eröffnung der Vinschgerbahn alle Erwartungen übertroffen.
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)


MARLING/MARLENGO (386 m)

In einer ersten 180°-Schleife mit beträchtlicher Steigung erreicht der Vinschgerzug Marling. Der Blick schweift noch einmal hinunter auf das markante Gebäude der Obstgenossenschaft von Algund.
Auch unsere Doppeleinheit müht sich den Berg herauf und wird nach wenigen Metern den Bf. Marling vor sich haben.
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)
Gleich danach ist es geschafft - Marling ist erreicht. Tief unter uns liegt das rege Treiben Merans, während Schloss Tirol vom Gegenhang herübergrüßt.
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)
Marling - welch ein Bahnhofsidyll! Hier heroben - abseits des Trubels von Meran - passt das schmucke Gebäude noch besser zum Flair seiner Umgebung.
Neben all dieser historischen Schönheit existiert natürlich auch modernste Technik, etwa bei den Weichenantrieben, die bis Mals hinauf allesamt von der Leitstelle in Meran ferngesteuert werden.
Gleich hinter Marling geht es wieder mächtig zur Sache, was die Steigung angeht. Bis zum Eingang in den Vinschgau bei Töll fehlen ja noch einige Höhenmeter!
Üppige mediterrane Vegetation säumt den Schienenweg, verleiht dem Aufstieg irgendwie eine südländische Leichtigkeit.
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)
Der von Mals kommende Vinschgerzug hat den oberen Teil der Marlinger Schleife bereits hinter sich und rollt nun talwärts dem Bf. Marling entgegen.
Die Richtungsänderung dieser Schleife vollzieht die Vinschgerbahn im 598 m langen Marlingtunnel; es muss ja schließlich nicht immer jedermann alles sehen!
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)
Nach wenigen Minuten hat der Vinschgerzug auch die zweite 180°-Schleife hinter sich und dadurch die obere Geländestufe erreicht, wo er alsbald im Buschwerk verschwindet.
Nach wie vor geht es bergauf. Unmittelbar vor uns liegen nun der 582 m lange Josefsbergtunnel, eine 80 m lange Steinschlaggallerie und der 684 m lange Tölltunnel.
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)
Immer wieder offeriert uns nun die Vinschgerbahn in diesem Streckenabschnitt herrliche Aussichten auf Meran und sein Umland.


TÖLL BRÜCKE/TEL PONTE (509 m)

Nachdem der Vinschgerzug die erste Geländestufe erklommen hat, erwartet uns die markante Etschschlucht bei Töll. Das Tor zum Vinschgau ist erreicht!
Die Hst. Töll Brücke/Tel Ponte hat den früheren Bf. Töll/Tel als Haltepunkt abgelöst, daher fehlt hier natürlich ein historisches Gebäude. Der Haltepunkt ist dafür mit all jenen Stilelementen ausgestaltet, die auch auf den alten Bahnhöfen den Ansprüchen unserer Zeit Rechnung tragen.
Die Art der Bahnsteigausführung ist äußerst zweckmäßig, freundlich und sogar mit Windschutz ausgestattet!
Im Hintergrund ist der Ort Partschins erkennbar. Er ist der Geburts- und Wohnort von Peter Mitterhofer, dem Erfinder der Schreibmaschine.


TÖLL/TEL (512 m)

Ein alter Wasserturm ist das markante Wahrzeichen der Betriebsausweiche Töll. Das Bahnhofgebäude entspricht dem zweigeschossigen Typ, wie er in den bedeutenderen Stationen, so etwa in Schnalsthal, in Schlanders, in Laas, in Spondinig und in Schluderns verwendet wurde.
Ein anderes Bahngebäude aus vergangenen Tagen wird derweilen Opfer des Rückeroberungsprozesses der Natur.
Töll war schon beim Fahrplanangebot des ersten Betriebsjahres ein unverzichtbarer Kreuzungsbahnhof.


RABLAND/RABIÁ (526 m)

Munter folgt die Vinschgerbahn ab Töll dem Südufer der Etsch bis zur Hst. Rabland.
Wer gerne die Welt von oben betrachten möchte, aber schlecht bei Fuß ist, der kann die Luftseilbahn nach Aschbach benützen. Oben angelangt hat man eine wunderbare Aussicht über beinahe den gesamten Vinschgau.


PLAUS (519 m)

Plaus ist die einzige Haltestelle des Vinschgerzuges, die kein italienisches Namens-Pendant hat. Der "Paradiesvogel" und der ebenso bunte Ferienbus der SAD machen sich darüber aber sicher keine Sorgen!


NATURNS/NATURNO (554 m)

So schaut ein generalsanierter Bahnhof im Sinne von Frau Waltraut Kofler - Engl aus. Einfach schön!!
Wer nach Naturns kommt, sollte es niemals verabsäumen, die wunderbare romanische Kirche von "St. Prokulus" zu besuchen. Sie wurde um 630 n. Chr. errichtet und beherbergt die ältesten Fresken, die im deutschen Sprachraum bekannt sind.
Besonders sehenswert ist die Darstellung der Flucht des Hl. Prokulus aus Verona. Er wird von 3 Helfern über die Stadtmauer abgeseilt. Der mittlere Kopf wurde leider von Kunsträubern in den 60-er Jahren herausgemeißelt!
Beeindruckend auch die Schlichtheit des Altars. Dahinter ist ein Motiv der Anbetung des Leichnams Christi zu sehen.
In Naturns wird es auch Zeit, auf eine Besonderheit der Vinschgerbahn hinzuweisen: An den meisten Haltepunkten kann man links und rechts ein- und aussteigen. Das erspart lange Aufenthalte!
Zwischen Naturns und Schnalsthal führt der Weg der Vinschgerbahn am Murkegel von Tabland entlang. Diese Murkegel sind vor etwa 12.000 Jahren am Ende der Eiszeit entstanden und bestehen aus Schwemmmaterial aus den angrenzenden Bergtälern. Auf dem fruchtbaren Boden gedeihen die wohlschmeckenden Äpfel der Sorte "Golden Delicius".
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)


SCHNALSTHAL/VAL SENALES (555 m)

Ein wunderbarer Bahnhof, doch leider .....
.... fehlt vor den Empfangsgebäude ein Bahnsteig! Es ist halt - wie Töll - nur eine Betriebsausweiche. Im Jahr 2008 kreuzen hier meistens die "Schnellzüge" mit Regionalzügen.
Dennoch ist schon im Jahre 2005 eine interessante Betriebssituation zu beobachten: R 119 ist in der Betriebsausweiche Schnalsthal eingefahren und hat vor den AS angehalten. Nach einigen Minuten Aufenthalt setzte er seine Fahrt Ri Staben fort, ohne dass eine Zugkreuzung stattgefunden hätte. Das geschah jedoch keineswegs "mutwillig", sondern zeigte nur, dass der Betriebsablauf im Jahr 2005 schon auf den kommenden Fahrplantakt abgestimmt war.
Früher gab es im ehrwürdigen Bahnhofsgebäude sogar ein Zimmer, in welchem sich die erlauchten Mitglieder habsburgischer Jagdgesellschaften von den Mühen eines Jagdtages ausruhen konnten. Heute nutzt der Verein "Freunde der Eisenbahn" unter seinem rührigen Präsidenten Dr. Walter Weiss einen Teil der Räumlichkeiten.
Auf dem weitläufigem Grundareal hat der Verein einen "Jugenderlebnisbahnhof" errichtet. Immer an Sonntagen herrscht hier reger Betrieb. Man versucht, mit den verschiedensten Aktivitäten den Bahnbetrieb einem größeren Publikum näher zu bringen. Zwei alte Waggons der RhB leisten wertvolle Dienste. Während der Öffnungszeiten halten sogar einige Vinschgerzüge in Schnalsthal zum Ein- und Aussteigen.
Auch "Ötzi" hätte hier den Vinschgerzug verlassen, um jene Stelle am Ötztaler Hauslabjoch zu erreichen, an der dereinst sein Lebenslicht erlosch! Folgen wir daher seinen Spuren und schauen wir uns in den folgenden Bildern seinen Lebensraum ein bisschen näher an.
Hoch über dem Eingang in das enge, fast 30 km lange Schnalstal ragt der Turm der Kirche von Katharinaberg wie ein Zeigefinger in den Himmel.
In der größten Ortschaft des Tales, in Karthaus, stand früher einmal die riesige Klosteranlage Allerengelberg. Erbaut um 1326 wurde das Kloster um 1782 aufgelassen. Im noch erhaltenen Kreuzgang finden in regelmäßigen Abständen kulturelle Veranstaltungen statt.
In der Ortschaft Unser Frau/Maria di Senales steht eine der bekanntesten Wallfahrtskirchen des Landes, was man schon an ihr stattlichen Größe erkennt.
In 1.690 m Seehöhe treffen wir - eingerahmt von den Eisriesen der Ötztaler Alpen - auf den Vernagt-Stausee.
Am Ende des Tales in rund 2.000 m Seehöhe liegt Kurzras. Hier verunzieren hässliche Bauten die Schönheit der Natur, bieten dafür aber den Gästen, die auch im Sommer das Schifahren nicht lassen können, ein Dach über dem Kopf.
Von Kurzras aus führt eine Seilbahn in das Reich des ewigen Eises am Schnalstaler Gletscher in 3.200 m Höhe.
Etwas verloren steht die Kirche von Kurzras einsam am Rande des sonst so betriebsamen Wintersportortes.
Am Eingang des Schnalstales sollte man unbedingt auch zum mächtigen, von den Grafen von Montalbon im Jahre 1238 erbauten Schloss Juval aufsteigen.
Seit 1983 ist die Anlage Eigentum des berühmten Südtiroler Extrem-Bergsteigers Reinhold Messner, der hier heroben ein "Museum der Kulturen" eingerichtet hat.
Die Burganlage selbst ist natürlich in weiten Bereichen nicht öffentlich zugänglich, aber ihre ungemein exponierte Lage imponiert auch so.
Uns Eisenbahnfreunde beeindrucken an dieser Stelle sowieso eher die Tiefblicke, entweder auf die Betriebsausweiche Schnalsthal und den im Jahre 2005 noch in Bau befindlichen "Jugenderlebnisbahnhof" .....
...... oder auf die Hst. Staben und den gerade Richtung Mals ausfahrenden Vinschgerzug.


STABEN/STAVA (560 m)

Zu dieser nur ca. 500 m von der Betriebsausweiche Schnalstal entfernten Haltestelle steigen wir von Juval ab und treffen dort auf einige Pedalritter, die ebenfalls bereits auf den nächsten Vinschgerzug warten.
Und mit eben diesem Vinschgerzug verlassen auch wir den schönen Ort Staben in Richtung Westen.


TSCHARS/CIARDES (560 m)

Wieder einer der "Brückenköpfe" der Vinschgerbahn: Moderne Haltestelle, alte Brücke und einer dieser Vinschgauer Orte zum Verlieben!
Und wie immer in den neu gestalteten Haltepunkten das einheitliche Erscheinungsbild: Stahl und Holz.
Bevor der Vinschgerzug in der neuen Hst. Tschars anhält, passiert er das frühere FS - Empfangsgebäude, das heute keine Funktion hat, sich aber in einem erstaunlich guten Zustand befindet. Es dürfte sich allerdings bereits in Privatbesitz befinden, weil man es nicht in die Haltestelle integriert hat.
Von der Hst. Tschars haben wir noch einmal einen herrlichen Blick zurück auf den bereits erwähnten Murkegel bei Tabland.
Steigt man ein Stück am Sonnenhang hinauf, dann genießt man den herrlichen Blick über den Ort und die weitläufigen Obstplantagen.


KASTELBELL/CASTELBELLO (580 m)

Wenige Minuten später erreicht der Vinschgerzug die Hst. Kastelbell am Beginn des Tarscher Murkegels.
Schon vom Empfangsgebäude aus ist auf der nördlichen Etschseite....
.... die gleichnamige Burg zu sehen. Die Anlage wurde wie Schloss Juval ebenfalls um 1238 von den Grafen von Montalbon errichtet, gelangte später in den Besitz der Grafen von Tirol und im Anschluss daran an die Grafen von Hendl. 1813 wurde die Anlage durch einen Brand schwer beschädigt. Seit 1956 steht die Burg im Eigentum des italienischen Staates!
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)
Kastelbell regt zu einer intensiveren Erkundung an, also setzt der Vinschgerzug seine Fahrt Richtung Mals ohne uns fort. Er wird sich auf den nächsten 2 Kilometern durch die enge Latschanderschlucht entlang des Tarscher Murkegels nach Latsch hinaufquälen.
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)
Wir genießen lieber vom Berghang aus die Aussicht auf Burg Kastelbell, die zu den schönsten Anlagen in Südtirol zählt.
Aber auch der Tiefblick auf die Hst. Kastelbell und einen der allgegenwärtigen Vinschgerzüge beeindruckt.
Hoch oberhalb der Burganlage verläuft der Latschanderwaal - einer der Wasserspender für den ausgetrockneten Sonnenberg (siehe Einleitung).
Diesem Waal folgen wir nun bis Latsch, aber nicht ohne vorher noch einmal einen letzten Blick auf Burg Kastelbell zu werfen.
Eine kühne Weganlage begleitet das Rinnsal, das seinen Weg oftmals auch "unter Tag" fortsetzt.
Nur der Waalwärter, auch "Waaler" genannt, hat das Recht, diese Ausflüsse zu öffnen und damit die darunter liegenden Felder und Kulturflächen zu bewässern. Diese Wasserrechte, festgelegt in der sog. "Rod", sind uralt, jeder Missbrauch führte bis ins hohe Mittelalter unweigerlich zur Todesstrafe.
Meist plätschert das Bächlein munter neben dem Wanderer her, ...
... nur dort, wo es richtig eng wird, ist es überdacht, um dem Wanderer ein sicheres Gehen zu ermöglichen.
Am Ende unserer kleinen Wanderung erreichen wir wieder den Talboden und treffen zu unserer Freude sofort auf einen Vinschgerzug, der in Kürze ........


LATSCH/LACES (638 m)

.... im Bf. Latsch einfahren wird.
Im Jahre 2005 wurde im Bereich des Bahnhofes noch emsig gebaut.
Der Ausbau von Parkmöglichkeiten stand ebenfalls schon am Programm. Nur die alten Bahngebäude präsentierten sich noch in einem etwas schlechten Zustand, doch Besserung schien auch hier in Sicht!
2008 ist der Umbau längst abgeschlossen - das alten Bahnhofsensemble wurde mit einem modernen Zweckbau "verstärkt". Lichtdurchflutete Warteräume und ein Betreuungspunkt für Fahrradtouristen wurden etabliert. An dieser Stelle sollte nicht unerwähnt bleiben, dass an den Bahnhöfen entlang der Vinschgerbahn insgesamt 1.200 Fahrräder zum Verleih bereitstehen!!
Im Bf. Latsch erfolgten bereits 2005 planmäßig die Kreuzungen der Vinschgerzüge.
Und auch heute ist dem noch so, wie die mittlerweile montierten modernen Anzeigetafeln beweisen. (Übrigens - wenn die Anzeige blinkt, ist der Zug unmittelbar im Anmarsch!)
Wie angekündigt: Ein REX aus Mals fährt ein, ....
.... und Hundertschaften von Schülern verlassen den Zug, während auf Bahnsteig 2 der Gegenzug von Meran nach Mals anhält.
In Latsch ist es sowieso fast "Pflicht", den Zug zu verlassen und die alte Hospizkirche "Zum Heiligen Geist" aus dem Jahre 1337 zu besuchen. Sie berherbergt einen weltberühmten Flügelaltar von Georg Lederer aus Kaufbeuren aus dem Jahre 1517. Den Schlüssel zur Kirche gibt's im nahen Altersheim!
Doch damit nicht genug: Die Gegend um Latsch ermöglicht uns auch einen kleinen Blick in eine der vielen Seelen des Vinschgaus. Wir schnüren dazu wieder die Wanderschuhe und steigen zunächst zu dem aus dem 13. Jhdt. stammenden Schloss Annenberg hinauf, das bereits auf dem Gebiet der Gemeinde Goldrain liegt.
Von dort führt der Weg immer weiter nach oben und mit jedem Schritt tun sich neue Tiefblicke auf, etwa auf Latsch, den gewaltigen Tarscher Murkegel und das hier vom Etschtal abzweigende Martelltal, das nach Süden zu den Eisriesen der Cevedalegruppe führt.
Richtung Westen reicht der Blick weit hinein in den Vinschgau: Direkt unter uns liegen die Orte Göflan (links) und Schlanders (rechts), darüber Kortsch (rechts) und Laas (Bildmitte links). Der Vinschgerbahn steht in diesem Bereich der zweite große Aufstieg hinauf auf den riesigen Gadria-Murkegel bei Schlanders bevor. Wie von hier heroben aus gut sichtbar, versperrt der Gadriakegel das ganze Tal und erzeugt eine besonders markante Geländestufe! Der von Schlanders nach links führende helle untere Streifen markiert die Bahntrasse.
Die Bewohner dieser einsamen Gehöfte (hier kann man den Ausdruck "Bergbauer" wohl ohne Einschränkung verwenden) sorgen ganzjährig dafür, dass uraltes Kulturland nicht zur Wildnis verkommt. Ihnen ist auch dieses für den Vinschgau so typische Erscheinungsbild zu verdanken.
Zur Heuarbeit im Gelände rund um die Wallfahrtskirche zum Hl. Martin sind wahrlich Steigeisen von Nöten; Maschineneinsatz ist hier nicht möglich!
Von St. Martin am Kofel in 1.776 m Seehöhe bringt uns eine moderne Luftseilbahn wieder ins Tal.
Während der Talfahrt beeindruckt vor allem der Tiefblick auf das Häusermeer von Latsch.
Nach wenigen Minuten in luftiger Höhe erreichen wir sicher die Talstation und setzen sogleich unsere Reise fort.
Kurz nach Latsch passiert der Vinschgerzug eine Handwerkerzone. Leider fehlt hier eine Haltestelle, was doch etwas überrascht, denn es gäbe vermutlich genügend Kunden, die sie frequentieren würden - zumindest an Werktagen.
Gleich danach überquert die Bahnstrecke auf einer modernen Brücke den Martellbach.


GOLDRAIN/COLDRANO (650 m)

Der aufmerksame Beobachter hat es sicher schon erkannt: Hier sind die tragenden Elemente des Vorbaues rostrot ausgeführt!
Auch Goldrain bietet dem Liebhaber alter Bausubstanz unzählige Objekte zum Besuch an, so etwa neben dem bereits erwähnten Schloss Annenberg das im 16. Jhdt. von Graf Hendl errichtete Schloss Goldrain mit seinen mächtigen Rundtürmen.
Nach Süden hin öffnet sich das Martelltal, an dessen Eingang im Gebiet der Ortschaft Morter zwei ganz berühmte Burgruinen stehen: Zuerst Ruine Untermontani, von der leider nur mehr der Bergfried und der Pallas erhalten sind, ...
... dann Ruine Obermontani. Im Jahre 1228 von den Grafen von Tirol erbaut, war sie zu dieser Zeit eine der mächtigsten Burgen des Vinschgaues. Bekannt wurde sie, als in ihrem Inneren die zweitälteste Fassung des Nibelungenliedes aus dem Jahre 1233 gefunden wurde. Dieser Schatz wird heute in der Berliner Nationalbibliothek aufbewahrt.
Unmittelbar neben der Ruine Obermontani lädt die aus romanischer Zeit stammende Stephanskapelle zur Einkehr. Die kleine Kirche verfügt über eine sehenswerte Innenbemalung aus dem 15. Jhdt.
Im Licht der letzten Sonne sind die Wasserfontänen aus den Bewässerungsanlagen der Obstkulturen am Gadria-Murkegel ein weiterer Blickfang.
Auch für uns wird es Zeit, Goldrain Richtung Westen zu verlassen.
Durch endlose Apfelplantagen nimmt der Vinschgerzug ....
.... gleich hinter Goldrain die Steigung hinauf auf den Gadria-Murkegel in Angriff.
In einer wunderbaren Streckenführung schmiegt sich die Bahnlinie zunächst an den südlichen Berghang und passiert dabei die aus dem 15. Jhdt. stammende Kirche St. Martin in Göflan.
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)
Wie eine mächtige Burgmauer umfasst die Trasse der Vinschgerbahn den kleinen Ort. Das "Burgtor" bildet die berühmte Brücke von Göflan, .....
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)
.... über die die Vinschgerbahn wieder an das Nordufer der Etsch wechselt und sich in einer weiten Schleife nach Schlanders hinaufwindet. Wir befinden uns ja schon seit geraumer Zeit im Anstieg auf den Gadria-Murkegel.
Die Martinskirche, in der es übrigens drei wunderbare Flügelaltäre zu bestaunen gibt, überwacht diese Überquerung mit Argusaugen!
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)
Und ob man die Brücke von Göflan nun aus der Nähe ....
.... oder aus der Ferne betrachtet - sie ist immer eine Augenweide!
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)
Von St. Martin aus kann man die weitere Streckenführung der Vinschgerbahn gut verfolgen: Gleich nach der Etschüberquerung in Göflan verschwindet der Vinschgerzug in den weitläufigen Obstplantagen rund um Schlanders. Nach einem kurzen Aufenthalt im dortigen Bahnhof .......
.... taucht er einige Kilometer später und etliche Höhenmeter weiter oben mitten in den Obstplantagen am Gadria-Murkegel wieder auf und strebt dem nächsten Halt in Laas entgegen.
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)
Göflan selbst ist ein kleiner, ruhiger Ort abseits des Trubels und bietet dem Besucher immer wieder überraschende Motive.


SCHLANDERS/SILANDRO (740 m)

Am Ende dieses künstlichen Tunnels fährt der Vinschgerzug im Bf. Schlanders ein. Er verfügt als einziger zwischen Meran und Mals über einen Inselbahnsteig und 3 Gleise.
Den Reisenden steht sogar ein "echter" Inselbahnsteig zur Verfügung.
Um diesen zu erreichen, braucht man nicht einmal Treppensteigen - ein Lift nimmt einem diese Mühsal ab!
Das Empfangsgebäude ist - wie alle anderen an der Vinschgerlinie - perfekt saniert! In einem Nebengebäude residiert der rührige Modellbahnverein MEC Schlanders.
Die "Straßenfront" überzeugt ebenfalls!
Trotz aller Modernität - auch so manches Detail kann das Interesse des Betrachters erwecken, wie etwa dieses Thermometer an der Schiene: Im Jahr 2005 standen vermutlich Schweißarbeiten ins Haus, daher der Aufwand der Temperaturmessung.
Man sollte dem Ort freilich ein bisschen Zeit widmen, denn allein seine Fußgängerzone ist allemal einen Besuch wert.
Und auch das Rathaus zeugt davon, dass wir es hier mit einer der bedeutendsten Ansiedlungen des Vinschgaues zu tun haben.
Doch wie immer drängt die Zeit: Nachdem der Gegenzug aus Mals eingetroffen ist, ......
...... geht auch für uns das Signal auf "grün" und wir können unsere Reise fortsetzen. Schloss Schlandersberg winkt zum Abschied vom nördlichen Berghang.
Über ein gewaltiges Viadukt, dessen Anblick durch eine Radfahrerüberführung arg getrübt wird, führt der Schienenstrang ......
...... in einer Art "Hochschaubahn" mitten durch den wunderbaren Ort Schlanders (im Hintergrund ist am Berghang der Ort Morter sowie die Ruine Obermontani sichtbar) ....
..... in diese wunderbare Kurve, wo der Vinschgerzug den staugeplagten Autofahrern auf der Ss 39 einmal so richtig zeigen kann, was es heißt, stressfrei und klimatisiert zu reisen.
Von der "Kortscher Leiten", wo sich die höchstgelegenen Weingärten des Vinschgaus befinden, grüßt die kleine Ägidiuskapelle die Reisenden im Vinschgerzug.
Auf den nächsten Kilometern geht es immer mächtig bergauf, denn es gilt, an das obere Ende des Gadria-Murkegels zu gelangen.


LAAS/LASA (869 m)

Kaum hat der Vinschgerzug den Gadria-Murkegel erklommen, tauchen mysteriöse Gebilde auf, die mitten durch ein Siedlungsgebiet führen. Es handelt sich dabei um die Reste eines im Jahre 1790 erbauten, über 600 m langen Holzäquaduktes, für welchen hier in der Gegend der Name "Kandlwaal" gebräuchlich ist.
Die Konstruktion ruht auf 15 m bis 32 m hohen Steinpfeilern. Mit seiner Hilfe wurde seinerzeit das Wasser des Laaserbaches quer über den Ort in die Trockengebiete am Sonnenberg transportiert. Leider ist die Anlage im Jahre 1907 großteils einem Brand zum Opfer gefallen.
Hart am Ufer der Etsch entlang führt der Schienenweg durch den Ort Laas.
Wenige Minuten später läuft der Vinschgerzug im wunderschönen Bahnhof ein.
Bilder vom 27.05.2004 zeigen eindrucksvoll, welch tolle Arbeit an dieser Strecke geleistet wurde. Damals waren noch tschechische Bauzüge im Einsatz, ....
..... haben Gleisschotter und Bahnsteigkanten herangeschafft, um dem Vinschgerzug einen guten Fahrweg zu schaffen.
Das altehrwürdige Bahnhofsgebäude war heruntergekommen.
Die Bahnidylle stand im permanenten Kampf mit dem Rückeroberungsdrang der Natur.
Ein Jahr später, am 08.06.2005 war schon alles anders: Das Empfangsgebäude von Laas erstrahlte in neuem Glanz. Der Bahnsteig davor war - wie könnte es an so einem Ort anders sein - in blütenweißem Marmor ausgeführt.
Die alte Holzkonstruktion im Obergeschoss wurde komplett saniert und mit frischer Farbe versehen.
Das Fenster am ehemaligen Fahrkartenschalter erstrahlte ebenfalls in neuem Glanz.
Selbst das alte Kettenwerk wurde liebevoll erhalten.
Gleich neben dem Bahnhof lagert das "weiße Gold" - der Laaser Marmor. Bereits 1873 wurde in Laas eine Steinmetzschule gegründet. Der Laaser Marmor, der seinem italienischen "Bruder" aus Carrara an Schönheit und Reinheit haushoch überlegen ist, wird wegen seines enorm hohen Preises heute meist nur mehr als Verkleidung von Hochhäusern oder Kassenhallen in Großbanken verwendet. Aber es gibt auch einen Bahnbezug: Die Halle des Hauptbahnhofes von New York ist ebenfalls mit diesem wunderbaren Stein getäfelt!
Hoch in den Bergen der Ortler Alpen wird er im Göflanerbruch bzw. im Weißwasserbruch gewonnen. Von einer zentralen Sammelstelle aus werden die Blöcke mit einer kleinen Feldbahn an den Talausgang befördert, wie dieses Poster zeigt.
Eine Standseilbahn bringt die tonnenschweren Riesen sodann sicher ins Tal. Insgesamt rund 450.000 Tonnen hat die Bahn seit ihrer Inbetriebnahme im Jahre 1930 bereits talwärts geschafft.
Errichtet wurde der Schrägaufzug von der Fa. Bleichert aus Leipzig. Seit dem ersten Betriebstag hat es an der Anlage übrigens noch nie eine Störung gegeben - alle technischen Bestandteile befinden sich daher noch heute im Originalzustand!
Nach exakt 16 Minuten hat die Plattform den Höhenunterschied von 480 m überwunden. Die Wagen mit den Marmorblöcken werden entsichert und von einer weiteren Feldbahn mit 1000 mm Spurweite in das Marmorwerk am Laaser Bahnhof gezogen.
Die Sicherungsvorrichtung für die beladenen Wagen ist ebenfalls erwähnenswert: Es handelt sich um eine einfache Waggonkupplung, die in die Kupplungshaken eingehängt und mit einer Spindel niedergedreht wird. Da gibt es dann kein Entlaufen mehr!
Ein Rad mit 2 Spurkränzen und ein Rad ohne Spurkranz sorgen für einen sicheren Halt auf den Schienen. Die Spurweite beträgt übrigens 2 m!
Wem noch etwas Zeit zur Verfügung steht, der sollte Laas nicht verlassen, ohne vorher der kleinen Kirche von St. Sisinius einen Besuch abgestattet zu haben. Das Kirchlein ist dem Nonsberger Märtyrer Sisinius geweiht.
Das Gemäuer trotzt immerhin schon seit dem 8. Jhdt. allen Unbilden der Zeit! Wenn dann noch der Vinschgerwind durch das Geäst der Bäume pfeift und die Wolken ihr Spiel treiben, wird der Aufenthalt bei diesem kulturellen Kleinod garantiert unvergesslich bleiben.
Wieder zurück am Bahnhof gibt es noch eine Kuriosität in Form eines kleinen, ferngesteuerten Schrankens zu bestaunen. Er erfüllt denselben Zweck, wie eine sündteure Unterführung und verwehrt den Zugang zum Inselbahnsteig, wenn Gefahr durch eine Zugfahrt droht.
Nachdem er geschlossen ist, verlässt der Vinschgerzug den Ort des weißen Marmors Richtung Meran.
Auch für uns ist die Zeit des Abschiedes gekommen: "Standesgemäß" besteigen wir vom marmorgetäfelten Bahnsteig aus den nächsten Vinschgerzug Richtung Eyrs.


EYRS/ORIS (880 m)

In Eyrs empfängt uns natürlich wieder ein perfekt sanierter Bahnhof.
Gleich daneben haben wir ergänzend dazu noch eine "Designstudie" zu bieten: Einer der vielen Schranken macht doch unseren "Paradiesvogel" noch ein Stück weit bunter und schöner, oder?
Dieser "Paradiesvogel" bringt uns im weiten Talboden auch unserem nächsten Halt entgegen.
(Copyright: Wolfram Wittsiepe)


SPONDINIG-PRAD/SPONDIGNA-PRATO (880 m)

Schon die Einfahrt in diesen Bahnhof ist spektakulär, denn direkt an der Eisenbahnkreuzung der Stilfserjochstraße steht das imponierende Hotel Post.
Der Bahnhof hat am 27.05.2004 bereits einen ganz passablen Eindruck erweckt.
Unschwer war zu erkennen, dass hier etwas geschaffen wird, was Zukunft hat.
Außer der Bahnsteigbefestigung war eigentlich alles zur Aufnahme des Bahnbetriebes bereit.
Am 05.05.2005 war es dann soweit: Die ersten Vinschgerzüge hielten in Spondinig an; einer der schönsten Bahnhöfe an der gesamten Strecke erwachte wieder zu neuem Leben!
Die großzügige Überdachung des Hausbahnsteiges kennt noch die Zeit zur Jahrhundertwende, als Scharen von Touristen die Bahn zur Anreise in ihre Feriendomizile in den Ortlerbergen benutzten. Weltbekannte Orte wie Sulden, Trafoi oder Gomagoi verdanken ja ihren touristischen Aufschwung u. a. auch der alten Vinschgerbahn.
Heute wird das schöne Gebäude für verschiedenste Veranstaltungen genützt, aber am Hausbahnsteig fühlt man noch immer etwas von der Atmosphäre der "belle epoche".
An den Elan des nun anbrechenden neuen Zeitalters der Vinschgerbahn hat sich wohl oder übel auch diese Dachrinne am Nebengebäude gewöhnen müssen! Im Jahre 2005 hat sie sich ihrer angedachten Funktion zwar noch verweigert; heute ist auch dieser liebenswerte Mangel längst behoben!
Das Gleisareal von Spondinig war früher wesentlich ausgedehnter. Auf den nunmehr brach liegenden Bahnflächen lagern jetzt viele Stapel Y-Schwellen.
Betrieblich ist Spondinig heute wieder so wichtig wie in alter Zeit, denn hier finden letztmalig vor Mals Zugkreuzungen statt. Im Hintergrund wartet der Vinschgerzug aus Meran die Ankunft des Kollegen aus Mals ab, ......
... man erzählt sich schnell das Neueste, ....
.... dann geht es mit voller Kraft weiter Ri Schluderns.
Hier stehen wahrlich noch reichlich Manipulationsflächen zur Verfügung und vielleicht eröffnen sich ja in Zukunft auch wieder Möglichkeiten für den Gütertransport auf der Bahn. (Copyright: Wolfram Wittsiepe)
Die Ruine Lichtenberg aus dem 13.Jhdt., gelegen oberhalb des gleichnamigen Ortes, ist wieder eine der vielen beeindruckenden Burganlagen Südtirols, an denen uns der Vinschgerzug vorbeibringt.
Der schmucke Triebwagen nähert sich nun in flotter Fahrt bereits der Hst. Schluderns.
Gleich nach dieser Stelle kommt er neuerlich an einem dieser schlichten Bahnwärterhäuser aus der Vinschgauer FS - Vergangenheit vorbei. Im Bild wird übrigens auch der hervorragende Zustand des Vinschgauer Radweges dokumentiert, der die Vinschgerbahn fast immer begleitet: Er ist ein "Muss" für jeden Radsportfreund! Eine Privatfirma verleiht in Mals und in anderen größeren Bahnhöfen entlang der Strecke tolle Bikes!
Auch unser "Paradiesvogel" gibt vor den Bergen des Watles und der Sesvennagruppe ein wunderbares Bild ab.
Dann ist es endlich soweit: Im Süden taucht König Ortler auf! Der 3.902 m hohe Eisgigant wurde am 27.9.1804 von Josef Pichler im Auftrag von Erzherzog Johann erstmals bestiegen und hatte ehemals die Ehre, der höchsten Berg der k. k. Monarchie zu sein.
Von der wunderbar gelegenen Plantapatschhütte oberhalb von Burgeis aus sieht man erst die wahren Dimensionen dieses Bergmassivs. In der Bildmitte steht König Ortler, links davon die Königsspitze, rechts davon die Trafoier Eiswand. Ganz links erkennt man den Eisdom des Cevedale und die Zufallspitzen.
In flotter Fahrt strebt der Vinschgerzug nun der Ortschaft Schluderns zu.
Unmittelbar vor der Einfahrt in den Bahnhof taucht plötzlich am Ostabhang der Berge die mächtige Churburg aus dem Jahre 1230 im Blickfeld auf.
In ihrem Inneren findet sich eine der größten Rüstkammern Europas, gefüllt mit wunderbaren alten Ritterrüstungen. Seit dem Jahre 1504 ist die Burg im Besitz der Familie Trapp.


SCHLUDERNS - GLURNS/SLUDERNO - GLORENZA (920 m)

Blicken wir zunächst ins Jahr 2005 zurück: Am 21.4.2005 prallten am Bahnhof von Schluderns Vergangenheit und Gegenwart heftig aufeinander. Ein moderner Verbau zierte bereits den Bahnsteig, allerdings waren fast alle Nebengebäude noch eingerüstet.
Am 21.04.2005 waren auch die Arbeiten zur Sanierung des Empfangsgebäudes noch in vollem Gange.
Zur gleichen Zeit fanden bereits umfangreiche Testfahrten auf der Vinschgerbahn statt, denn die neuen Triebwagen und auch das technische Equipement entlang der Strecke wollten ordentlich erprobt sein.
Im Juni 2005 war dann von Hektik keine Spur mehr zu finden und das Bahnhofsgebäude strahlte seine ganze Pracht in den Vinschgau hinaus.
Selbst das Nebengebäude war in einer Art und Weise saniert, der jeden begeistert, der für diese Art von Architektur ein Auge hat. Wieder war ein Kapitel in der Erfolgsgeschichte der Vinschgerbahn abgehakt!
Und auch Schluderns sollte man ein bisschen auf sich wirken lassen. Da findet sich so manches bauliche Juwel ....
... oder ein Beweis der tief verwurzelten Frömmigkeit der Menschen in diesem wunderbaren Landstrich.
Gleich nach Schluderns geht es wieder bergauf, denn die Vinschgerbahn hat nun die dritte große Geländestufe hinauf nach Mals vor sich.
Oben an der Staatsstraße Ss 39 treffen wir auf 2 Rösser, deren martialisches Gehabe gehörigen Respekt einflößt.
Gleich daneben steht das riesige Kraftwerkshaus der italienischen Stromgesellschaft Seledison, in dessen Turbinen das Wasser des Reschensees nahe der Österreichischen Grenze in elektrische Energie umgewandelt wird.
Der Vinschgerzug hingegen schlängelt sich durch Weideland an den Hängen des Tartscher Bühels hinauf Richtung Mals.
Dieses wunderschöne italienische Flügelsignal stand im Sommer 2005 bereits völlig nutzlos am Schienenstrang und wurde sogar hochoffiziell für "ungültig" erklärt. Heute hat das Einfahrvorsignal von Mals seinen Platz eingenommen.
Unten am Talboden liegt am Rande des gleichnamigen Murkegels die Stadt Glurns/Glorenza. Sie ist von einer mächtigen Wehranlage umgeben und gilt mit ihren gerade einmal 800 Einwohnern als die flächenmäßig kleinste Stadt Südtirols. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Pfarrkirche St. Pankratius aus dem Jahre 1480 auf einem Hügel außerhalb der Wehranlage steht.
Durch eines der 3 Stadttore (im Bild das Schludernsertor) betritt man dieses städtebauliche Kleinod.
Der Stadtkern entzückt den Besucher durch seine liebevoll gestalteten, mittelalterlichen Gassen, die von prachtvollen Häuserzeilen gesäumt werden.
Wie viele der wunderbaren Tiroler Städte hat auch Glurns einen Laubengang, wobei dieser an Größe und Bedeutung natürlich nicht mit den Lauben in Meran, Bozen oder Innsbruck zu konkurrieren vermag.
Immer höher schraubt sich derweilen der Vinschgerzug am Tartscher Bühel empor.
Dieser "Tartscher Bühel" dürfte bereits während der Bronzezeit vom Stamm der Venosten besiedelt gewesen sein. Aus dem 12. Jhdt. stammt hingegen das wunderbare Kirchlein von St. Veit, von dem aus man eine prächtige Aussicht über den Obervinschgau hat.
Noch eine letzte Kurve, dann taucht plötzlich die Ortschaft Mals auf.


MALS IM VINSCHGAU/MÁLLES VENOSTA (1.050 m)

Nach 1 Stunde und 22 Minuten endet die Fahrt des Vinschgerzuges am Prellbock des Bahnhofes von Mals. Knapp 60 km Wegstrecke und 730 Höhenmeter liegen hinter ihm!
Alles verlässt den Triebwagen und strömt zu den Bussen, die direkt neben den Gleisanlagen abfahren. Das gilt auch für den Ortsbus, der die Reisenden in das Zentrum der Ortschaft Mals bringt. Er führt einen der Nachteile der Bahn vor Augen, denn früher hat der Linienbus aus Meran seine Fahrgäste gleich direkt im Ortszentrum aussteigen lassen!
Auch hier sei ein kleiner Rückblick in die Vergangenheit gestattet: Am 27.05.2004 präsentierte sich das Empfangsgebäude von Mals noch in einem total verlotterten Zustand.
Nur am Bahnsteig war zu erkennen, dass etwas Großes am Entstehen ist.
Der alte Lokschuppen wurde in dieser Zeit ebenfalls in einen, dem Stand der Technik entsprechenden Zustand versetzt.
Am 21.04.2005 konnte man vom Tartscher Bühel aus den Baufortschritt im Bf. Mals recht gut beobachten.
Zwei Monate später war das Bild perfekt: Die Vinschgerbahn hatte ihren Betrieb aufgenommen!
Die neue Triebwagenhalle wurde etwas "gestreckt", um die Triebwagen des Vinschgerzuges aufnehmen zu können.
Allerdings standen damals noch überall Baumaschinen herum, denn ein Ende der Ausbaumaßnahmen war nicht abzusehen.
Sogar ein alter FS-Waggon mit seiner typischen Dachform konnte bestaunt werden. Im Jahr 2008 ist er auf einem Gleisstutzen im Bf. Spondinig abgestellt.
Unangetastet blieb zur Freude aller Eisenbahnnostalgiker auch der berühmte "Malser Stern", ein Gleisfünfeck, das früher zum Wenden der Dampfrösser verwendet wurde.
Natürlich haben die Verantwortlichen ihre schützende Hand auch über den markanten Wasserturm gehalten.
Am 08.08.2005 waren dann bereits die Arbeiten für den Bau einer zweiten Triebwagenhalle in vollem Gange.
Im Sommer 2008 gewährt das fertige Bauwerk dem Betrachter einen kurzen Blick in sein Inneres.
Schön ist der Bau nicht, aber modernes Equipement braucht eben auch entsprechende technische Wartung!
Manchmal herrscht auf den Gleisanlagen von Mals ein richtiges Gedränge - besonders dann, wenn im Halbstundentakt gefahren wird.
Und irgendwann beginnt der Zyklus wieder von vorne: In wenigen Minuten wird der Vinschgerzug den Bf. Mals verlassen und durch den wunderschönen Vinschgau nach Meran zurückkehren.
Wir aber wollen nun die Bahnreise durch den Vinschgau an diesem Prellbock ausklingen lassen, denn auf den folgenden Kilometern liegen keine Schienen mehr.


Das Projekt "Reschenscheideckbahn"

Wäre es nach den Entscheidungsträgern Anfang des 20. Jhdts. gegangen, würde sich die Situation in unseren Tagen wohl gänzlich anders darstellen. Damals war ja Südtirol noch ein Teil der k. u. k. Monarchie. Es bestand daher durchaus ein Interesse, zwischen Mals und dem nordtirolischen Landeck an der Arlbergbahn eine Bahnverbindung herzustellen. Die Vision von damals firmierte unter der Bezeichnung "Reschenscheideckbahn". Weitsichtig hatte man bereits bei der Fertigstellung des Abschnittes Meran - Mals den Bahnhof Mals außerhalb des Ortes plaziert, um eben die Strecke weiterführen zu können.
Bis zum Jahre 1909 wurden 3 Varianten angedacht: Die Varianten 1 und 2 sahen für den Aufstieg der Bahn zwischen Mals und dem Reschenpass mehrere große Kehrschleifen vor, während bei Variante 3 zunächst eine große Schleife über Taufers im Münstertal gezogen worden wäre. Ab Burgeis im Obervinschgau hatten alle 3 Varianten praktisch denselben Verlauf. Auf der tirolerischen Seite hätte der Höhenunterschied vom Reschenpass ins Inntal durch 2 Kehrschleifen zwischen Pfunds und Nauders überwunden werden sollen.
Der 1. Weltkrieg beendete zunächst alle diesbezüglichen Überlegungen. Nach dem Krieg begann man neuerlich mit Planungen zur Errichtung einer Bahnverbindung, wegen des akuten Geldmangels allerdings in stark verdünnter Form. Die Rede war nur mehr von einer Schmalspurbahn von Landeck entlang des Inns bis Scuol mit Anschluss an die Rhätische Bahn; das Projekt "Reschenscheideckbahn" stand nicht zur Disposition.
Erst im Jahre 1944, als der Verkehr über die Brennerbahn wegen der allierten Luftangriffe bereits stark beeinträchtigt war, erinnerte man sich wieder an das vergessene Projekt. Wegen der Dringlichkeit, neue Nachschubverbindungen zu schaffen, war sogar der Bau eines Schrägaufzuges zwischen der Kajetansbrücke bei Pfunds und Nauders geplant, um die 400 m Höhenunterschied zwischen Inntal und Reschenpass zu überwinden. Vielerorts wurden sogar entsprechende Arbeiten zum Bahnbau in Angriff genommen.
Als die allierten Truppen im Jahre 1945 Tiroler Boden erreichten, endeten alle Aktivitäten des Bahnbaues. Im Jahre 1955 haben die ÖBB dann als Eigentumsnachfolger die seinerzeit bereits eingelösten Bahngrundstücke an die Bundesstraßenverwaltung übertragen. In weiterer Folge wurde zwischen Landeck und dem Reschenpass die Bundesstraße großzügig ausgebaut - das Projekt "Reschenscheideckbahn" war damit endgültig Geschichte!


Ein Blick von Prämajur auf den sich vom Plawenntal (links oben) herabziehenden Murkegel der Malser Heide veranschaulicht am besten, worum es bei den Planungen gegangen war. Man erkennt heute die Kehren der Staatsstraße. Etwa dieser Linienführung wäre auch die Reschenscheideckbahn gefolgt, allerdings hätte sie die im Hintergrund sichtbaren Ortschaften Ulten, Alsack und Plawenn mit eingebunden.
Viel ist in unseren Tagen von den damaligen Aktivitäten nicht mehr zu sehen. Erwähnenswert ist allenfalls das inzwischen wieder zugemauerte Portal des geplanten Schlosstunnels im Stadtgebiet von Landeck, über das heute längst eine gut ausgebaute Bundesstraße hinwegführt.
Auf dem am vorigen Foto sichtbaren Sockel am Innufer lagen sogar schon Gleise, wie ein altes vergilbtes Foto belegt.
(Copyright: Josef Saurwein)
Arbeiter posierten stolz vor dem von ihnen in mühevoller Handarbeit gefertigten Werk.
(Copyright: Josef Saurwein)
Von Pferdegespannen wurden auch Lokomotiven durch die Straßen Landecks gezogen, um auf den bereits teilweise fertig gestellten Gleisinseln am Oberlauf des Inns ihren Dienst zu versehen.
(Copyright: Josef Saurwein)
Niemand von diesen schlecht bezahlten und von der harten Arbeit gezeichneten Gesellen konnte sich damals wohl vorstellen, dass all ihre Mühe vergeblich sein sollte.
(Copyright: Josef Saurwein)


Kehren wir nach diesem kurzen Ausflug in die Geschichte wieder in die Realität unserer Tage zurück. Wir sind zwar bereits am Ende der Vinschgerbahn angelangt, wollen uns aber auch in einem Bereich, wo keine Schienen liegen, noch ein bisschen umschauen, denn das Land nördlich und westlich von Mals ist von einzigartiger Schönheit, auch wenn es durchwegs "eisenbahnfrei" ist:

Von Prämajur aus hat man einen grandiosen Überblick über die märchenhafte Landschaft des oberen Vinschgaus. Links sind die Ortschaften Mals und Schluderns zu erkennen, rechts vorne liegt Laatsch, in der Bildmitte Glurns und im hinteren Bildteil Spondinig und Prad.
Mals wird auch die "Stadt der 5 Türme" genannt. Der berühmteste unter ihnen ist wohl jener von St. Benedikt (Bildmitte). Die Kirche stammt in ihren Anfängen bereits aus dem 8. Jhdt. und beherbergt ebenfalls weltberühmte Fresken, die allerdings aus Furcht vor Vandalen und Kunsträubern nur sehr eingeschränkt besichtigt werden können.
Zur Erkundung des Umlandes benutzen wir zunächst den Bus der Schweizerischen Post Richtung Ofenpass. Die Abfahrt erfolgt direkt vom Bahnsteig des Vinschgerzuges.
Im malerischen Ort Müstair im engadinischen Münstertal gleich nach der Schweizerischen Grenze steigen wir wieder aus.
Ein paar Schritte sind es nur, dann stehen wir vor einem Weltkulturerbe der Extraklasse - der Kirche St. Johann Baptist, deren Gründung auf die Zeit Kaiser Karl, des Großen zurückgeht.
Beeindruckend ist das Kircheninnere mit seinem gotischen Netzgewölbe und die ....
... um 800 n. Chr. entstandenen Fresken. Ursprünglich gab es 82 Felder, welche in den vergangenen Jahrhunderten leider übertüncht wurden. Erst in den letzten Jahren ist es mit riesigem finanziellen Aufwand gelungen, einige dieser Felder wieder freizulegen und zu restaurieren.


Und wo ist nun das schönste Ende Italiens?

Nun, auch dazu brauchen wir noch einmal einen der eleganten Busse der SAD, der am Busbahnhof von Mals schon auf uns wartet.
Er bringt uns zunächst nach Burgeis, von wo aus wir zum wunderschönen Kloster Marienberg am Abhang des Watles aufsteigen können. Der Bau stammt aus dem Jahre 1150. Das Kloster untersteht dem Orden des Hl. Benedikt. Ein seit dem 19.Jhdt. bestehendes Gymnasium wurde 1928 geschlossen. Zwischen 1946 und 1986 wurden in Marienberg neuerlich Zöglinge in einem 5-klassigen Privatgymnasium unterrichtet. Derzeit widmen sich die noch verbliebenen 12 Konventsmitglieder nur mehr der Erwachsenenbildung und der Seelsorge.
Einige Kilometer weiter am oberen Ende das Malser Murkegels taucht dann der malerische Haidersee auf. An seinem Ufer liegt der bekannte Ferienort St. Valentin.
Dann folgt die Straße dem Ufer des Reschenstausees, bis wir in Graun tatsächlich am schönsten Ende Italiens ankommen. Die Rede ist von der gefluteten Kirche von Alt-Graun. Sie stellt heute wohl eines der am meisten fotografierten Objekte Europas dar.


Damit endet unsere Reise von Meran durch den Vinschgau an das schönste Ende Italiens. Sie hat uns eine Vielzahl an unvergesslichen Einblicken in das Land südlich der Alpen beschert. Zum Schluss noch ein persönliches

Resumee:

Dass nach 14 Jahren Stillstand seit dem 05.05.2005 wieder eine Bahnlinie durch dieses landschaftliche Juwel führt, muss als wahrhaft glückliche Fügung des "Eisenbahn - Schicksals" gewertet werden. Natürlich - Südtirol ist ein reiches Land und kann sich das Projekt "Vinschgerbahn" durchaus leisten. Trotzdem wird die Bahn aber nach ökonomischen Gesichtspunkten geführt werden müssen und die nackten Zahlen werden über ihr weiteres Schicksal entscheiden.
Die Vinschgerbahn - wie sie sich derzeit präsentiert - ist absolut keine Nostalgiebahn, auf der Züge mit irgendwelchen Dampfrössern einige Eisenbahnfetischisten durchs Land ziehen und vor Fotografen posieren - sie ist eine ganz moderne, tolle Bahn für den täglichen Gebrauch.
Wann immer wir mit dem Vinschgerzug in Kontakt gekommen sind, war er sehr gut ausgelastet. Auch die Zahlen untermauern unseren Eindruck: Wurden im Beobachtungszeitraum vom 08.05.2005 und 31.12.2005 noch 723.000 Fahrgäste gezählt, waren es im gleichen Zeitraum 2006 bereits 995.000 zahlende Kunden und die Zahlen steigen weiter an - ein Plafond ist nirgendwo zu sehen! Die größte Kundengruppe stellen Berufspendler und Schüler dar; die Zuwächse werden allerdings vor allem durch den rasanten Anstieg des Touristen- und Freizeitverkehrs erzielt. Insbesondere in der Schweiz wird ja kräftig die Werbetrommel gerührt, profitieren doch von der neuen Reiseverbindung nach Meran neben der Vinschgerbahn auch der Schweizer Postbusdienst sowie RhB und SBB.
Unter den Einheimischen gab und gibt es allerdings nicht wenige, die arge Zweifel am Gelingen des Projektes "Vinschgerbahn" hegen, weil die Bahn eben im Vergleich zum bisherigen dichten Busverkehr teilweise auch erhebliche Nachteile bringt. Die Reaktivierung der Strecke hat ja im eigentlichen Sinne für die Menschen keinen Zuwachs an Mobilität gebracht, sondern nur eine Verschiebung vom Bus zur Bahn. Immerhin sind die Busse in die Ortszentren gefahren - die Bahn tut das in den meisten Orten nicht. Zubringerbusse sind zwar im Einsatz, erfordern aber Umsteigen! Die Vinschgerbahn muss sich daher auch als Ersatz für ein hervorragendes Bussystem bewähren - ein wahrhaft schwieriges Unterfangen!
Es ist daher durchaus zu befürchten, dass Kunden in vielen Fällen auf das Auto umsteigen, anstatt erst den Zubringerbus und dann die Bahn zu benützen. Sollte dies in vermehrtem Maße zutreffen und sollte zum Schutz der Anrainer gar ein großzügiger Ausbau der Ss 36 zwischen Reschen und Meran erfolgen, dann wird das Projekt "Vinschgerbahn" erneut - und wohl für immer - scheitern.
Doch derzeit schaut die Sache für die Bahn sehr positiv aus. Es ist sogar teilweise so, dass das Zugangebot die Nachfrage gar nicht mehr befriedigen kann. Murrende Fahrgäste, die von der Fahrt in übervollen Züge enttäuscht sind, trifft man allenthalben. Auch undisziplinierte Radfahrer, die in die Züge drängen, obwohl beim besten Willen kein Platz mehr frei ist, verleiden das "Erlebnis Vinschgerbahn". Vielleicht gelingt es ja, durch die Anschaffung neuer elektrischer Triebwagen für die Strecke Meran - Bozen - Brixen - Innichen und das damit einhergehende Freiwerden von Dieseltriebzügen das Angebot auf der Vinschgerlinie etwas auszuweiten - sonst ist in der Tat ein negativer Effekt zu befürchten!
Im Großen und Ganzen darf man heute aber die berechtigte Hoffnung hegen, dass dieses ehrgeizige Projekt gelingt. Vielleicht animiert der Erfolg ja auch anderen Regionen Europas, in denen "Bahnleichen" herumliegen, einen ähnlichen Enthusiasmus an den Tag zu legen, wie hier! Der Vinschgerbahn aber sollte man aus tiefer Überzeugung "Allzeit gute Fahrt" wünschen und eben das seinige dazu beitragen, indem man ihr tolles Angebot nutzt!

Weiterführende Informationen sind unter folgenden Links zu finden:

Verein "Freunde der Eisenbahn"

Die Vinschgerbahn

Streckenplan der Vinschgerbahn

Die Marmorbahn von Laas

Die Geschichte des Vinschgerzuges von Meran nach Mals